Ein Professor und (s)ein fragwürdiger Auftrag
“Natürlich geht es um Gerechtigkeit. Es gibt so Sachen, die man einfach nicht macht. Und das gehört dazu.” (Jens-Werner Kipp, Geschäftsführer mycon GmbH, Bielefeld)
Jens-Werner Kipp ist ein alter Hase im Geschäft. Der 77-jährige Unternehmer ist Chef des Bielefelder Unternehmens Mycon. Die Firma macht jährlich einen Millionen-Umsatz mit Geräten, die in der industriellen Reinigung eingesetzt werden können. Immer wieder hat die Mycon GmbH auch mit der Uni Paderborn zusammengearbeitet.
“Wir haben seit vielen Jahren ein sehr gutes Verhältnis zur Uni Paderborn gehabt. Wir haben drei Förderprojekte erfolgreich durchgezogen. Das ist jedes Mal gut und sauber gelaufen. Deshalb haben wir in keinster Weise damit gerechnet, dass so etwas passieren kann.” (Jens-Werner Kipp)
Auf dieser Seite könnt ihr eine Geschichte nachlesen, die viele Fragen aufwirft. In welchem Ausmaß sind einzelne Professorinnen und Professoren der Paderborner Universität mit Nebentätigkeiten beschäftigt? Welche Rechenschaftspflichten haben diese Professorinnen und Professorn gegenüber der Universität bezüglich ihrer Nebentätigkeiten? Und, ganz konkret: Wie ist das Vorgehen eines Paderborner Uni-Professors zu bewerten, der an der Hochschule lehrt und gleichzeitig ebenfalls noch Geschäftsführer eines Unternehmens ist? Wir nennen ihn: Professor M.
Diese Recherche setzt im Hochstift eine bundesweite Correctiv-Recherche fort. Reporter Till Eckert hatte bereits im Sommer 2024 über die fragwürdigen Nebentätigkeiten von Uni-ProfessorInnen berichtet - mit einem Klick auf das Bild gelangt ihr zur Correctiv-Veröffentlichung.
Der Start: Die Uni braucht Hilfe
Wie können bspw. verklebte Karosserieteile und Batteriezellen wieder entklebt, also voneinander gelöst werden, ohne sie zu beschädigen? Mit dieser Frage beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Uni Paderborn schon im Jahr 2020 in einem Forschungsprojekt. Die Idee: Mit Kälte statt Hitze. Schließlich verzieht sich das Material oft, wenn mit zu starker Hitze gearbeitet wird - außerdem werden auch umliegende Klebeschichten möglicherweise beschädigt.
Es muss also eine Temperatur von -50 bis -70 Grad generiert werden und das Verfahren muss auch in der Werkstatt anwendbar sein. Die Uni Paderborn holt sich im Jahr 2021 dazu das Know-How des Bielefelder Unternehmens Mycon ins Boot.
“Diese praktische Lösung haben wir dann sehr schnell gefunden. Das funktionierte sehr gut. Wir haben das hier sofort fertig gebaut, einen Prototyp. Einen weiteren Prototyp haben wir der Uni Paderborn dann für das Projekt kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Uni Paderborn konnte das Projekt so erfolgreich zu Ende führen." (Jens-Werner Kipp)
Erste Unstimmigkeiten: Ein Preis und die Anfrage eines Weltkonzerns
Im Sommer 2023 kühlt die Stimmung zwischen dem Bielefelder Unternehmen und der Uni Paderborn erstmals deutlich ab.
Dabei gibt es, aus Sicht der Uni, einen großen Grund zur Freude: Das beschriebene Projekt mit dem offiziellen Titel ‘Analyse des Versagensverhaltens geklebter Stahl-Verbindungen beim werkstoffschonenden Entfügen in der Karosserieinstandsetzung’ ist unter den Nominierten für den renommierten Otto von Guericke-Preis:
Das Problem aus Sicht der Mycon GmbH: Das Unternehmen Mycon, das nach eigener Aussage maßgeblich für die Entwicklung des Geräts und die Durchführung des Verfahrens verantwortlich ist, wird mit keiner Silbe erwähnt.
Nach einer Kontaktaufnahme des Bielefelder Unternehmens mit der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen, die den Otto von Guericke-Preis vergibt, werden die öffentlichen Beschreibungen des nominierten Projekts korrigiert. Die Auszeichnung erhält schließlich ein anderes Projekt.
Die Anfrage eines Weltkonzerns
Im Herbst 2023 platzt dann, aus Sicht von Chef Jens-Werner Kipp, die Bombe. Er erfährt, dass der Volkswagen-Konzern an der Entwicklung der Kälteentfügung interessiert ist. Ein Mitarbeiter der Uni Paderborn schreibt dem Mycon-Geschäftsführer wörtlich:
“[…] Wir sind weiterhin bestrebt das Potential des Kaltentfügens zu erforschen, da Forschung einzig und allein ist, was wir tun. Da Sie das Patent auf dieses Verfahren besitzen ist dies für Sie eine geniale Sache: Interessierte Leute, die unsere Forschung sehen, wie zum Beispiel VW, müssen auf Sie zukommen um das Verfahren einzusetzen. Das haben wir auch VW offen kommuniziert und den Kontakt hergestellt. […]”
Und tatsächlich hofft Jens-Werner Kipp zunächst auf ein gutes Geschäft mit VW, denn Mycon hat Patente für das Verfahren. Stutzig wird der Unternehmer erstmals in einer Videokonferenz, an der unter anderem ein Vertreter von VW, verschiedene Mitarbeitende der Uni Paderborn (darunter auch Professor M.) und Kipp teilnehmen. In dieser Schalte wirken der VW-Vertreter und Professor M. bereits sehr vertraut, sie duzen sich. Ein Detail, das später noch interessant wird.
Im November 2023 bietet Jens-Werner Kipp dem VW-Mitarbeiter eine Zusammenarbeit an. Laut Kipp antwortet der VW-Mitarbeiter, dass er nicht interessiert sei. Mycon solle sich stattdessen um eine Mitarbeit im Team von Professor M. an der Paderborner Uni bewerben. Außerdem erwähnt er die Patente, die Mycon für Teile des Verfahrens besitze. Ein Wissen, das der VW-Mann, laut Kipp, nur von Professor M. haben kann.
Jens-Werner Kipp geht zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass VW also einen Auftrag an die Uni Paderborn vergibt. Der Unternehmer ärgert sich über den weggebrochenen Deal. Noch mehr ärgert er sich über die aus seiner Sicht unlautere Weitergabe von Infos durch Uni-Beschäftigte an VW. Er bittet die Uni um Aufklärung.
Nach der Antwort der Universität verschlägt es ihm dann allerdings die Sprache - denn hier heißt es wörtlich:
“[…] Mit Blick auf Ihre Ausführungen zum Entwicklungsauftrag mit der VW-Gruppe kann die Universität leider nicht zur Sachaufklärung beitragen. Herr Prof. M. führte diese Tätigkeiten privatwirtschaftlich durch.” (Mail eines Präsidiums-Mitglied der Uni Paderborn)
Privatwirtschaftlich? In der Kommunikation mit der Mycon GmbH ist Professor M., laut Kipp, immer im Namen der Universität aufgetreten. Erst jetzt erfährt er nach eigener Aussage, dass Professor M. parallel auch geschäftsführender Gesellschafter einer GmbH ist, die mit Mycon mutmaßlich im Wettbewerb steht.
"Uns ist bekannt, dass viele Professoren Gutachten erstellen und dergleichen. Aber dass er eine eigene Firma hat, die diesen Sachverhalt praktisch zum Geschäftsinhalt hat und dann unter dem Namen der Uni Paderborn alle Informationen bei uns abfischt in der Angelegenheit und die für sich selbst nutzt, das ist moralisch auf keinen Fall in Ordnung. Das ist aber aus meiner Sicht auch juristisch nicht in Ordnung und bedarf der Aufklärung." (Jens-Werner Kipp)
Der Bielefelder Unternehmer geht fest davon aus, dass der VW-Auftrag final an das private Unternehmen von Professor M. ging. Trotz der Mitentwicklung und der vorliegenden Patente schaut Mycon in die Röhre.
Das sagt die Uni Paderborn
Sehr gerne hätten wir auch die Sichtweise der Universität Paderborn dargestellt. Wir würden unter anderem gerne wissen…
- …wie viele Professorinnen und Professoren der Universität Paderborn offiziell eine Nebentätigkeit angemeldet haben
- …welche Rechenschaftspflichten die Professorinnen und Professoren der Universität Paderborn gegenüber bzgl. ihrer Nebeneinnahmen und -geschäfte haben
- …in welcher Höhe die privaten Unternehmen von Prof. M. finanzielle Mittel an die Universität Paderborn für die Nutzung/Einbindung von Räumlichkeiten, Geräten, Materialien und Personal der Universität Paderborn zahlen
- …ob Prof. M. durch die Universität Paderborn bzgl. der Differenzen mit der mycon GmbH um eine Stellungnahme gebeten wurde
- …ob es Überlegungen gibt, eine Veränderung der Regelungen hinsichtlich von ‚Professoren-GmbHs‘ an der Universität Paderborn herbeizuführen
Insgesamt 17 Fragen schickten wir der Universität - die Antwort fiel weniger umfangreich aus:
“Nebentätigkeiten von Professorinnen und Professoren sind Personalangelegenheiten, zu denen sich die Universität Paderborn grundsätzlich nicht äußert.” (Johannes Schnurr, Leiter Stabsstelle Presse, Universität Paderborn)
Auch Professor M. erhielt von uns die Möglichkeit, sich zu äußern. Unsere schriftliche Anfrage ließ er unbeantwortet.
Unsere Recherche zeigt: Die Uni Paderborn erhielt zu dieser Thematik auch Mails von der NRW-Landesregierung bzw. vom NRW-Wissenschaftsministerium - zusätzlich auch von einem Bielefelder Landtagsabgeordneten. Auch sie baten die Hochschule um Aufklärung.
Das sagt das Ministerium
Und wie bewertet das NRW-Wissenschaftsministerium den beschriebenen Sachverhalt? Ein Sprecher des Ministeriums erklärt auf unsere Anfrage, dass es “zu konkreten personenbezogenen Einzelfällen schon aus Gründen des Datenschutzes keine Stellung nehmen darf”.
Aber:
"[…] Alle unternehmerischen Aktivitäten von Professorinnen und Professoren sind als Nebentätigkeit anzumelden und von der Hochschule zu genehmigen und dürfen nicht zu Lasten der Lehrverpflichtungen gehen.
Für alle Verträge zwischen Unternehmen und Universitäten müssen die Compliance-Anforderungen der jeweiligen Hochschule eingehalten werden. Das gilt sowohl für etwaige Interessenkonflikte der Vertragsparteien (Professors/der Professorin und Unternehmensleitung) als auch für die erbrachte Leistung (etwa keine Forschung zu militärischen Zwecken sofern die Hochschule eine Zivilklausel hat – was für die Hochschulen Nordrhein-Westfalens gilt), den Personaleinsatz und die Verwendung von öffentlichen Mitteln."
Unternehmer bleibt hartnäckig
Auch aktuell (Herbst 2025) steht Jens-Werner Kipp weiterhin mit verschiedensten Behörden und Ansprechpartnern in Kontakt. Abschließend sagt er:
“Wir wollen das einfach aufklären, das ist nicht in Ordnung. Wir werden auch weiter alle Hebel in Bewegung setzen, dass sowas nicht nochmal passiert.”
Fragen | Feedback | Kommentare
Ihr habt Fragen zu dieser Recherche? Ihr wollt uns Feedback geben? Sehr gerne! Bitte per Mail an Tobias Fenneker.
Schlagzeilen
NRW & die Welt
Wiesbaden/Raunheim | 30-Kilometer-Stau in Hessen aufgelöst
Lifestyle & Freizeit
Berlin | Gebackener Spitzkohl mit Walnuss-Granatapfel-Topping
Lifestyle & Freizeit
Berlin | Tolle Köpfe: So schmeckt Kohl ganz vegetarisch
Lifestyle & Freizeit
Murwillumbah | Gil Ofarim entschuldigt sich und landet nach Sturz in Klinik
NRW & die Welt
Tripolis | Gaddafi-Sohn Saif al-Islam in Libyen getötet
Lifestyle & Freizeit