Kinder und Jugendliche im Leistungssport
Eins vorweg: Bewegung und Sport tut jedem gut, egal ob klein oder groß. Wir haben uns allerdings mit dem Thema “Kinder und Jugendliche im Leistungssport” beschäftigt.
Wir haben mit dem Verein “Pro Leistungssport” gesprochen, der schon in der Grundschule im Kreis Paderborn eine sogenannte Vielseitigkeitssichtung durchführt. Außerdem haben wir Prof. Dr. Miriam Kehne von der Universität Paderborn interviewt: Sie hat eine langfristige Studie zum Thema gemacht, welche Auswirkungen Leistungssport, bzw. sehr viel Sport auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen hat.
Natürlich haben wir uns auch mit einem jungen Leistungssportler unterhalten, nämlich mit dem Baseballer Jann-Mika Schierhorn. Er hat uns sehr offen geschildert, wie sein Alltag mit Schule und Leistungssport aussieht und wie wenig Zeit ihm für wirkliche Freizeit bleibt.
Und auch mit seiner Schule haben wir uns beschäftigt, dem Reismann Gymnasium Paderborn. Gemeinsam mit der Lise-Meitner-Realschule im Verbund ist das Gymnasium NRW-Sportschule. Wir klären, inwiefern sehr sportliche Schülerinnen und Schüler von der Bildungseinrichtung unterstützt werden.
Ihr habt in eurer Jugend/Kindheit Leistungssport gemacht und es ist euch viel zu viel geworden? Ihr seid mit dem Druck nicht klar gekommen?
Sehr gerne würden wir auch die Geschichte von jemandem aus den Kreisen Paderborn und Höxter erzählen, der oder die aus dem “System Leistungssport” rausgefallen ist. Dem alles zu viel wurde. Meldet euch dafür gerne bei der verantwortlichen Redakteurin dania.toelle@radiohochstift.de . Feedback, Lob, Anmerkungen auch gern an die Mailadresse.
Vielseitigkeitssichtung in der Grundschule
“Pro Leistungssport Paderborn” ist ein gemeinnütziger Förderverein, der 1991 gegründet wurde. Das Ziel: Den Sport fördern, insbesondere den Leistungssport und hier den Kinder- und Jugendsport.
Der Verein ist also kein klassischer Sportverein, wo man sich anmeldet, seinen Mitgliedsbeitrag entrichtet und dann am Training für Handball, Fußball oder andere Sportarten teilnehmen kann, sondern der Verein hat Mitglieder, die an den Vereinszweck glauben und ihn für unterstützenswert halten.
Seit 30 Jahren (seit 1995) führt der Verein auch im Auftrag der Stadt Paderborn und dem Kreis Paderborn die Paderborner Vielseitigkeitssichtung durch.
Das ist eine Talentsichtungs- und Talentförderungsmaßnahme, die ganz flächendeckend an allen Grundschulen im Kreis durchgeführt wird.
Der Verein sichtet in der zweiten Klasse. Fördermaßnahmen schließen dann in der dritten Klasse an.
Das Ganze wurde in Zusammenarbeit mit der Universität Paderborn entwickelt. Man hat herausgefunden, dass die Kinder im zweiten Grundschuljahr am empfänglichsten für die Sportfördermaßnahmen sind. Das ist, laut Verein, ein ganz gutes sportmotorisches Lernalter generell.
Die Paderborner Vielseitigkeitssichtung läuft so ab, dass im ersten Schritt eine sportmotorische Testung gemacht wird. Der Verein fährt immer zu zweit als Testleiter an eine Schule und baut dort den sogenannten Hagedorn-Parcours auf.
Der heißt so, weil er ursprünglich von Prof. Dr. Hagedorn von der Uni Paderborn entwickelt wurde und laut Verein ein gutes Tool dafür darstellt, eine Kennzahl zu bekommen, wie der allgemeine sportmotorische Leistungsstand des Kindes aktuell ist.
Das ist ein Bewegungsparcours, bestehend aus verschiedenen grundlegenden sportmotorischen Fähigkeiten: Krabbeln, Hüpfen, Slalomlaufen, Rolle vorwärts, Klettern und ähnliches. Also eigentlich Dinge, die Kinder sowieso auf dem Spielplatz machen.
Damit soll ein Durchschnittswert zum allgemeinen sportmotorischen Leistungsstand ermittelt werden. Und nebenher gibt es noch eine Elternbefragung, wo generell abgefragt wird, wie das Bewegungs- und Sportverhalten des Kindes außerhalb der Schule aussieht.
Und aus diesen beiden Erhebungstools entwickelt der Verein dann einen Auswertungsbericht, wo die Leistungsstände aller Kinder ins Verhältnis zueinander gesetzt werden. Die Top-30 Prozent der Mädchen und Jungen werden dann als “sportliches Talent” identifiziert und zu weiteren Sportfolgeangeboten eingeladen.
Grundsätzlich geht es bei dem Parcours um die Schnelligkeit.
Die Kinder haben drei Durchläufe. Der Erste ist ein Probedurchlauf, um zu gucken, was muss überhaupt wo gemacht werden. Und dann gibt es zwei Durchläufe, wo die Zeit gestoppt wird.
Der eine soll ein ruhiger Testlauf sein, damit die Kinder sich auch wirklich gut konzentrieren können. Und beim zweiten legt der Verein Wert darauf, dass die Kinder von den Mitschülerinnen und Mitschülern angefeuert werden, um vielleicht noch mehr Leistung rauszukitzeln.
Ein großer Vorteil am Hagedorn-Parcours ist, dass der Verein so eine ganz große Datenbasis bekommen hat und praktisch eine Längsschnittstudie durchführen konnte, spezifisch für den Kreis Paderborn.
Gesichtet wird immer zwischen den Oster- und Sommerferien. Und in den Sommerferien erwartet die Kinder dann ihr persönliches Auswertungsschreiben. Und dazu gibt es dann auch eine Einladung zu den Folgeangeboten.
Ein Angebot ist beispielsweise der “Tag der Talente”, der im Ahorn Sportpark in Paderborn stattfindet, in Zusammenarbeit mit den Talentstützpunkten. Also den Vereinen in Paderborn, die vom Landessportbund NRW und dem Sportministerium hochqualifiziertes Training auf Leistungssportniveau anbieten.
Beim “Tag der Talente” können die Kinder an Stationen verschiedene Sportarten ausprobieren - wie eine Art “Mini-Schnuppertraining”, um die Sportart kennenzulernen.
Außerdem gibt es noch die sogenannten Vielseitigkeitsgruppen, zu denen auch die 30 Prozent der besten Kinder eingeladen werden. Da geht es dann darum, dass der Verein Sportangebote direkt an den Grundschulen etabliert. Diese Sportangebote finden bestenfalls direkt im Anschluss an den Schulunterricht statt. Das heißt, die Kinder müssen nicht erst nach Hause und dann später wieder zur Schule gebracht werden.
Und dort arbeitet der Verein als Vorstufe oder als Ergänzung zum sportartspezifischen Vereinstraining darauf hin, die Sportmotorik nochmal anders zu schulen. Da gibt es dann verschiedene Bausteine, die bespielt werden, einen Rahmen, Trainingsplan und eine Konzeption. Es ist nicht nur so spielebasiert wie der Schulsport, sondern man arbeitet auch schon mit methodischen Übungsreihen beispielsweise, um den Leistungsanspruch zu fördern und auch Verbesserungen für die Kinder sichtbar zu machen.
Wenn man zum Beispiel im Schulunterricht anfängt mit Zombie-Ball, wird in den Vielseitigkeitsgruppen langsam gesteigert. Also dass man zuerst das Ballhandling trainiert, ganz alleine, dann im Stehen in Bewegung mit einem Partner und dann das Ganze in Spielform überträgt. Also erstens diese langsame Steigerung, zweitens auch das Reflektieren des eigenen Sportkönnens.
Daran schließt dann die sportartspezifische Talentsichtung an. Die macht aber nicht mehr der Verein Pro Leistungssport, sondern die Sportvereine.
Hier könnt ihr die Beiträge dazu nachhören:
"Es lässt sich Folgendes festhalten: Wir haben zum einen ein deutlich höheres sportliches Aktivitätsverhalten der Kinder, die wir untersucht haben, also der der fünften Klassen und der siebten Klassen.
Und wir haben gleichzeitig aber herausgefunden, dass sie eigentlich weder schulisch noch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung irgendwelche Nachteile erfahren." (Miriam Kehne)
Prof. Dr. Miriam Kehne forscht an der Universität Paderborn in der Sportwissenschaft vor allem im Bereich “Kindheits- und Jugendforschung im Sport”.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind:
- Bewegung, Spiel und Sport im Kindes- und Jugendalter in verschiedenen Settings - Schwerpunkt schulischer Ganztag
- Bewegungsbezogene Gesundheitskompetenzen von Studierenden
- Duale Karrieren im Leistungssport
Die Studie in Kürze
Im Bereich der “Dualen Karrieren” ist die Studie entstanden, um die es hier geht. Sie soll helfen, die Frage zu beantworten, ob Leistungssport für Kinder und Jugendliche in irgendeiner Form schädlich ist. Denn die Schülerinnen und Schüler, die leistungssportlich aktiv sind oder sportlich sehr aktiv sind, sind einer Doppelbelastung ausgesetzt: Sie haben die Anforderungen in der Schule, aber auch die Anforderungen aus dem Sport, also Training u.v.m.
Sie haben viel mehr feste Termine, viel mehr Dinge, die sie erledigen müssen - und sie müssen ja auch noch irgendwie “Kind sein” oder “Jugendlicher sein” - mit allem was dazu gehört.
Die Wissenschaftler haben also an der Lise-Meitner-Realschule in Paderborn, die im Verbund mit dem Reismann-Gymnasium NRW-Sportschule ist, geforscht über einen Zeitraum von fast 10 Jahren (2011 bis 2020). Solche langfristigen Studien sind selten und geben dadurch wirklich Einblicke in die Auswirkungen, die Leistungssport auf die Kinder hat, da sie keine Momentaufnahme sind.
Es wurden Kinder angesehen, die sehr viel Sport machen (noch nicht zwangsläufig im Leistungsbereich) und Kinder, die wenig aktiv sind.
Die Methodik:
Die Schülerinnen und Schüler mussten einen Fragebogen ausfüllen. Da ging es darum, was über die Persönlichkeit der Kinder zu erfassen. Wie ist ihre subjektive Wahrnehmung über ihre eigene Person im sozialen Bereich, im physischen Bereich, im psychischen Bereich, im kognitiven Bereich?
Dann haben die Schülerinnen und Schüler einen Konzentrationstest gemacht, wo die Wissenschaftler erfasst haben, wie aufnahmefähig und konzentrationsfähig sie eigentlich sind.
Und es wurde natürlich auch gefragt, wie viel sie in ihrer Freizeit körperlich aktiv sind, sportlichen Aktivitäten nachgehen. In den Regelklassen waren das meist etwa zwei Stunden pro Woche, in den Sportprofilklassen fünf Stunden Sport pro Woche, ab der siebten Klasse bereits neun Stunden und mehr.
Erste Ergebnisse:
Miriam Kehne und ihr Team sind noch in der Auswertung der Studie, weil es unheimlich viele Daten sind.
Die ersten drei Jahre haben sich die Wissenschaftler:innen aber schon genau angeschaut.
Und da lässt sich festhalten:
Die Kinder, die sehr viel Sport (auch im Leistungsbereich) machen, hatten weder schulisch, noch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung irgendwelche Nachteile.
Die Rahmenbedingungen:
Um die Anforderungen und zusätzlichen Herausforderungen bewältigen zu können müssen die Kinder und Jugendlichen Ressourcen haben, so Miriam Kehne.
Es fängt damit an, wie man die Herausforderungen selber bewertet: Also wie empfinde ich das, wenn ich verliere? Und wie kann ich das jetzt bewältigen?
Da stellen sich folgende Fragen:
Wie fängt mich das System Schule auf? Wie fängt mich das System im Sport auf? Wie steht meine Familie dazu? Und was bringe ich persönlich für Ressourcen mit? Wie gut bin ich aufgestellt, was meine Selbstwirksamkeitserwartung angeht? Wie gut bin ich aufgestellt, was meine Resilienz angeht? Wie gut bin ich aufgestellt, was meine motivationalen Faktoren angeht?
Die ersten Studienergebnisse zeigen, laut Miriam Kehne, dass die sportlich aktiven Kinder trotz dieser hohen Anforderungen nachweislich aus vielen, nicht nur aus dieser Studie, sondern aus anderen Studien, sich nicht von ihren Altersgleichen unterscheiden und sich in einigen Bereichen sogar noch besser, also noch stärker wahrnehmen.
Ob der Sport also sogar ein Motor für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist, lässt sich aber so pauschal nicht sagen.
Was wir nicht wissen:
Erstens: Es ist unklar, wie viel Kinder und Jugendliche vielleicht schon mitbringen müssen, um diesem Druck, diesen Anforderungen gerecht werden zu können.
Zweitens: Was in der ganzen Forschungslinie fehlt ist, dass man sich Kinder und Jugendliche anguckt, die aus dem System fallen. Denn da “passiert ja etwas”, so Miriam Kehne. Da ist ja “das Verhältnis zwischen Anforderungen und Ressourcen nicht gegeben”. Deswegen müsste man sich eigentlich genau diese Kinder und Jugendlichen anschauen.
Was ist genau der Inhalt der Studie?
Kehne: "Die Studie ist im Feld der dualen Karriere im Leistungssport entstanden. Also wir haben uns sportlich aktive Kinder angeguckt gegenüber Kindern, die weniger sportlich aktiv sind.
Wir waren an der Lise Meitner-Realschule in Paderborn und haben über fast zehn Jahre Daten erhoben zu der Entwicklung von Sportprofilklassenschülern und den Schülerinnen und Schülern der Regelklassen.
Und deswegen sage ich, hier muss man auch wirklich über sportliche Aktivität sprechen, weil wir haben es noch nicht ganz zwangsläufig mit Leistungssportlern zu tun, sondern die Kinder, die in die Sportprofilklasse gehen, die müssen bestimmte motorische Voraussetzungen haben. Sie müssen aber noch nicht grundsätzlich dem Leistungssport zugehörig sein.
Und da geht es erst mal sozusagen um eine breite Orientierung von Kindern, die sportlich aktiv sind und motorisch ein gewisses Level mitbringen."
Wie hat man das dann gemacht? Über Interviews mit den Schülern oder Fragebögen, die sie ausfüllen mussten? Wie lief das genau ab?
Kehne: "Das war recht breit angelegt. Das eine war ein Fragebogen. Da ging es darum, was über die Persönlichkeit der Kinder zu erfassen.
Also quasi wie ist ihre subjektive Wahrnehmung über ihre eigene Person im sozialen Bereich, im physischen Bereich, im psychischen Bereich, im kognitiven Bereich? Dann haben sie einen Konzentrationstest gemacht, wo wir erfasst haben, wie aufnahmefähig und konzentrationsfähig sie eigentlich sind. Und wir haben sie gefragt zu den Umfängen, die sie in ihrer Freizeit körperlich aktiv sind, also sportlich Aktivitäten nachgehen."
Und wie war da so die Range? Also wo fing das an? Bei wie vielen Stunden Sport?
Kehne: "Naja, die Kinder, die die Regelklassen besuchen, die haben so in etwa zwei Stunden sportliche Aktivitäten am Nachmittag gemacht. Und die Kinder, die die Sportprofilklasse besuchten zu dem Zeitpunkt, die lagen in der fünften Klasse schon bei mehr als doppelt so viel, bei fünf Stunden Sport in der Woche.
Und ab der siebten Klasse waren das dann neun Stunden und mehr."
Und der Zeitraum, das können wir auch noch mal festhalten, wo das erfasst wurde, war zwischen 2011 und 2020.
Kehne: "Ja, das ist tatsächlich ja auch eine Seltenheit für solche Studien. Wir haben oft Studien, die Zusammenhänge erfassen können, also die sozusagen im Querschnitt einmalig untersucht werden.
Und dann kann man sowas sagen: Wir wissen, dass es einen Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Belastungsempfinden gibt. Aber was man nicht sagen kann mit solchen Studien ist, wie eigentlich die Auswirkung von körperlicher Aktivität auf zum Beispiel die Persönlichkeit, auf Belastungsempfinden etc. ist.
Und das können wir mit so einer längsschnittlichen Perspektive, wo wir die Kinder immer wieder untersuchen, am Ende tun. Oder wir können uns dem zumindest annähern.
Ja, und sie sind ja noch in der Auswertung. Es ist noch gar nicht alles angeschaut, weil es natürlich unglaublich viele Daten dann sind, die da zustande kommen.
Kehne: "Aber man kann erste Erkenntnisse schon rausziehen. Wir haben uns die ersten drei Jahre ziemlich genau angeguckt.
Und da lässt sich eigentlich Folgendes festhalten: Wir haben zum einen, das hatte ich eben gesagt, ein deutlich höheres sportliches Aktivitätsverhalten der Kinder, die wir untersucht haben, also der der fünften Klassen und der siebten Klassen.
Und wir haben gleichzeitig aber herausgefunden, dass sie eigentlich weder schulisch noch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung irgendwelche Nachteile erfahren. Also in diesem Thema ist ja immer das, also warum man das untersucht, ist ja, dass man die Befürchtung hat, dass die Kinder und Jugendlichen, die leistungssportlich aktiv sind oder sportlich sehr aktiv sind, einer Doppelbelastung ausgesetzt sind, nämlich der Doppelbelastung aus schulischen Anforderungen auf der einen Seite und Anforderungen aus dem Sport, also Trainingsumfänge und so weiter, auf der anderen Seite.
Und parallel natürlich müssen sie auch ihre alterstypischen Entwicklungsaufgaben erledigen. Das heißt, sie sind viel stärker aktiv in ihrer Freizeit, haben viel mehr feste Termine, viel mehr Dinge, die sie erledigen müssen, haben größere Anforderungen in beiden Feldern, also Schule und sportlich gesehen und müssen ja gleichzeitig irgendwie auch noch ihre Entwicklungsaufgaben, also aufbauen des Freundeskreises, das Elternhaus, da sind viele Faktoren, ja, die auch in dem Alter wichtig sind, die jetzt nicht ganz ausschließlich auf Schule oder auf Sport sich konzentrieren."
Und es ist ja auch nicht nur, dass sie dann mehr Termine und mehr Zeitstress haben, sondern wahrscheinlich auch mental ist das ja auch echt eine Herausforderung. Dann so beim Sport ist es ja immer so, man kann verlieren oder gewinnen. Und wenn man dann immer wieder verliert, zum Beispiel, dann geht es einem ja vielleicht eine Weile auch richtig schlecht. Und dann noch, wenn man schon mental belastet ist, noch Schulaufgaben noch zu machen. Das ist ja wahrscheinlich dann auch nochmal eine Herausforderung.
Kehne: "Genau, das sind diese Anforderungen, die jetzt, die Sie beschrieben haben, vor allem aus dem sportlichen Kontext jetzt gerade herauskommen.
Und da müssen die Kinder und Jugendlichen natürlich Ressourcen haben, um diese Herausforderungen auch bewältigen zu können. Das heißt, das fängt damit an, wie man die Herausforderungen bewertet auf der einen Seite. Also wie empfinde ich das, wenn ich verliere? Und das ist natürlich erst mal schlimm. Und dann muss ich auf der anderen Seite gucken, wie kann ich diese Herausforderungen, der ich jetzt gegenüberstehe: Ich habe nicht das sportlich erreicht, was ich erreichen wollte, wie ich das bewältigen kann.
Und da stehen mir dann verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Das sind zum einen die Rahmenbedingungen:
Also wie fängt mich das System Schule auf? Wie fängt mich das System im Sport auf? Wie steht meine Familie dazu? Und dann aber auf der anderen Seite meine ganz persönlichen Ressourcen, die ich mitbringe. Also wie gut bin ich aufgestellt, was meine Selbstwirksamkeitserwartung angeht? Wie gut bin ich aufgestellt, was meine Resilienz angeht? Wie gut bin ich aufgestellt, was meine motivationalen Faktoren angeht? Und so weiter und so fort.
Und da kann man halt sagen, dass die sportlich aktiven Kinder also erstaunlicherweise trotz dieser hohen Anforderungen nachweislich aus vielen, nicht nur aus dieser Studie, sondern aus anderen Studien eigentlich sich nicht von ihren Altersgleichen unterscheiden und in einigen Bereichen sogar sich noch besser, also noch stärker wahrnehmen."
Also eigentlich könnte dann der Sport vielleicht eine Unterstützung dafür sein, dass man vielleicht das schult, dass man resilienter wird.
Kehne: "Das ist die große Frage in dem Thema. Ist also der Sport sozusagen ein Motor für die Entwicklung?
Also wir wissen auch in einigen Bereichen, dass der Sport da viel leisten kann und zur Persönlichkeit der Kinder und Jugendlichen wirklich einen Beitrag leisten kann. Aber wie viel auf der anderen Seite Kinder und Jugendliche vielleicht schon mitbringen müssen, um diesem Druck, diesen Anforderungen gerecht werden zu können und den Kompetenzen auch auf motorischer Ebene und kognitiver Ebene.
Da ist noch ein bisschen Unklarheit im Forschungsfeld. Da brauchen wir noch deutlich mehr Studien, Langzeitstudien, die diese Wirkungszusammenhänge wirklich in den Blick nehmen können.
Mit unserer Studie in Paderborn, wenn wir die Daten komplett wirklich alle ausgewertet haben, wir sitzen da auf Hochtouren dran, dann können wir vielleicht ein bisschen mehr sagen. Also man kann nicht klar sagen, dass es ein Motor ist für die Entwicklung, aber auch kein Hemmschuh. Also das können wir zumindest nicht feststellen.
Also die Daten zeigen wirklich an keiner Stelle, dass die jungen Talente oder die sportlich sehr aktiven diesen Anforderungen nicht standhalten können. Im Durchschnitt muss man sagen.
Also was sicherlich auch fehlt in dieser ganzen Forschungslinie ist, dass man sich Kinder und Jugendliche anguckt, die aus dem System fallen. Die gibt es natürlich auch. Nur das ist für die Forschung relativ schwierig, an diese Menschen heranzukommen. Das heißt, wer angeguckt wird, sind die, die im System bleiben. Und das kann natürlich schon auch ein Faktor sein. Und die anderen, die rausfallen, die müsste man also eigentlich mal ziemlich genau angucken, weil da passiert ja etwas. Da ist ja irgendwo dieses Verhältnis zwischen Anforderungen und Ressourcen nicht gegeben.
Hat man sich denn auch auf irgendeine Art und Weise angeschaut, welche körperlichen Auswirkungen das hat?
Kehne: "Ja, also wir haben das nur bedingt gemacht. Wir haben in das physische Selbstkonzept reingeguckt, also wie sich die Kinder und Jugendlichen wahrnehmen, also ihre Leistungsfähigkeit auch wahrnehmen. Und da scheiden sie ziemlich gut ab.
Da schneiden sie auch zum Teil signifikant besser ab als ihre Altersgleichen. Aber es gibt natürlich auch Studien, die sozusagen diesen Part der Verletzungen stärker in den Blick nehmen. Und das ist ganz natürlich auf dem Weg von Leistungssportlern immer ein Riesenfaktor, wo eine gute Resilienz vorhanden sein muss, um mit diesen Rückschlägen umgehen zu können."
Dieses System NRW-Sportschule - ist das aus Ihrer Sicht sinnvoll und eine gute Möglichkeit, eben diese beiden Dinge, Schule und Leistungssport zu kombinieren?
Kehne: "Ja, auf jeden Fall. Wir brauchen solche Systeme, in denen junge Leistungssportler und Sportlerinnen eine Unterstützung erfahren, also in denen sie, indem sie von der Institution aus unterstützt werden, diese Anforderungen aus den verschiedenen Konstellationen im Training, Wettkampf, Schule, Entwicklungsaufgaben bestmöglich zu bewältigen.
Weil es ist ja das Ziel, dass die Athleten auch nach der sportlichen Karriere, also für viele endet das ja nicht im Olympiasieg und im Weltmeister werden, sondern irgendwann ist die möglicherweise zu Ende. Und diesen Kindern und Jugendlichen muss ja auf jeden Fall trotzdem eine gute und angemessene Bildung gewährleistet werden.
Und deswegen ist es absolut wichtig, dass es diese Unterstützungssysteme gibt, in dem sie beides, also beiden Karrierewegen nachgehen können und zwar auch angemessen nachgehen können. Und an diesen Schnittstellen hier jetzt in der NRW-Sportschule wird halt koordiniert und es wird geguckt, dass man Trainingszeiten, Wettkämpfe mit Prüfungen und schulischen Anforderungen kombiniert, dass Eltern bestmöglich in dieses Netzwerk eingebunden sind, dass sie in der Schule schon eine sportliche Förderung erfahren. (…) Die Wegstrecken zwischen Schule und Trainingsort sollen verkürzt werden durch Internate, die an einigen Stellen dazwischen geschaltet sind."
Was sagen sie dazu, das Prinzip “Gewinnen und Verlieren” abzuschaffen?
Kehne: "Also da erwischen Sie mich jetzt tatsächlich in einer Bredouille, weil das eine Feld, was ich bearbeite, ist die duale Karriere im Leistungssport bei Kindern und Jugendlichen. Und das andere Feld, was ich bearbeite, ist Bewegungsförderung im Kinder- und Jugendalter.
Das heißt also, ich meine, wir brauchen tatsächlich eine gute Mischung. Also wir sollten Sorge dafür tragen, dass jedem Kind Bewegungs- und Sportaktivitäten möglich gemacht werden und jedem Kind möglichst früh den Zugang ermöglichen und auch eine motorische Grundausbildung schaffen. Also motorische Grundkompetenzen, um auch an der Sportwelt teilhaben zu können. Ich sage es mal so, wenn ich keinen Ball werfen kann, dann gehe ich auch nicht dahin, wo Kinder Fangen spielen.
Also auch wir wissen, dass aus sozial benachteiligten Familien, dass einfach der Sport, der Zugang einfach nicht da ist. Da haben wir aus meiner Sicht unglaublich gute gesellschaftliche Entwicklungen, um das auffangen zu können. Wenn es denn auch so umgesetzt wird in der Praxis, zum Beispiel der schulische Ganztag, hier haben wir ein Feld, wo ganz viele Kinder und Jugendliche perspektivisch sein werden und wo Bewegungssport eine ganz zentrale Rolle spielen müsste.
So und dann haben wir auf der anderen Seite die Leistungssportaktiven oder die sportlich ambitionierten Kinder und Jugendlichen und die müssen genauso gefördert werden. Das heißt, wir haben erst mal diese große Spanne und in diesem Spannungsfeld bewegt sich natürlich auch Sieg und Niederlage: Also das Kind, was einen Zugang braucht, direkt damit zu konfrontieren, dass es verliert, wenn Fangen oder wenn ein Spiel gespielt wird, ist sicherlich nicht glücklich. Aber Sieg und Niederlage ist etwas ganz Wichtiges, auch über den Sport hinaus, was Kinder und Jugendlichen über den Sport sehr, sehr gut lernen können und auch auf andere Bereiche ihres Lebens sicherlich gut übertragen können."
Wenn jedes Kind so individuell betrachtet wird, dann bräuchte man ja mehr Personal, oder?
Kehne: "Ich sage mal nein. Es wäre natürlich immer gut, wenn es auch mehr wären. Ich glaube, wir müssen erst mal Menschen qualifizieren.
Also wenn ich zum Beispiel in dieses Feld des schulischen Ganztags gucke, dann ist das tatsächlich für die Menschen, die dort arbeiten, in diesen multiprofessionellen Teams, das sind ja oft gar keine Sportlehrkräfte, die am Nachmittag da sind, dass sie sich den Herausforderungen gar nicht gewachsen fühlen. Das fängt gar nicht dabei an über sowas wie, wie kann ich jetzt Sieg oder Niederlage irgendwie implementieren, sondern da geht es tatsächlich darum, dass sie Sorge haben: Was kann ich überhaupt machen? Wie ist das von den Sicherheitserlassen? Was darf ich? Was darf ich nicht? Dann geht es darüber, was kann ich überhaupt mit den Kindern tun? Die brauchen Ideen, überhaupt in die Bewegung zu kommen. Und dann geht es natürlich darum, individuelle Förderung ist ein großes Stichwort.
Wie kann ich vielleicht einfach auch nur Bewegungsräume öffnen und das Angebot schaffen? Kinder wollen sich ja bewegen. Es ist ja gar nicht so, dass sie sich nicht bewegen wollen. Das heißt sozusagen, man muss im Grunde viele Arrangements ermöglichen, wo Bewegung, Spiel und Sport stattfinden kann. Und dann haben wir ja auch noch die Sportvereine. Und die sind natürlich ein Profi im Bildungsbereich für den organisierten Sport, also auch für wettkampforientierten Sport, für verschiedene Sportarten. Und diese Verknüpfung zwischen dem Schulischen Ganztag auf der einen Seite und die Möglichkeit haben, dort niederschwellig was anzubieten und auf der anderen Seite Sportvereine hinein zu holen.
Deswegen weiß ich gar nicht, ob es unbedingt so viel mehr Menschen sind, die wir brauchen. Ich glaube, wir müssen die qualifizieren und wir müssen vernetzen."
Und hier sind die Beiträge dazu zum Nachhören:
"Wenn ich dann mich daran entsinne, dass ich die Wochenpläne gesehen habe von Schülerinnen und Schülern aus dem Internat, die dann in der Oberstufe herkommen, im Internat wohnen, bei den Vereinen trainieren, mitspielen und in die Schule gehen. Das sind Wochenpläne, die möchte ich nicht haben.
Die haben durchgetaktete Tage mit Schule, mit Training, mit Lernzeiten und ab und zu haben sie auch mal ein großes P eingetragen für Privat. Da mache ich mal einfach gar nichts." (Siegfried Rojahn)
Das System NRW-Sportschule
Was ist eine NRW-Sportschule?
Um diese Frage zu klären haben wir uns mit dem Schulleiter des Reismann-Gymnasiums in Paderborn, Siegfried Rojahn, getroffen. Im Verbund mit der Lise-Meitner-Realschule ist das Reismann seit 2012 NRW-Sportschule.
Siegfried Rojahn hat die Frage so beantwortet: „Das Land Nordrhein-Westfalen hat sich überlegt, dass es Schulen haben möchte, die sich ganz besonders um den Leistungssport kümmern, also Schülerinnen und Schüler, die leistungssportlich interessiert und talentiert sind. Und dazu hat es 18 Schulen ausgesucht, teilweise alleine, teilweise im Verbund mehrerer.
Hier in Paderborn ist es die Lise-Meitner-Realschule und das Reismann-Gymnasium zusammen. Und wir haben dann den Auftrag, sogenannte duale Karrieren zu ermöglichen, das heißt, die schulische, aber auch die sportliche Laufbahn so zu begleiten, dass man vorankommt.“
Was macht so eine Sportschule möglich?
Grundsätzlich gibt es für die Schüler der Sportklassen mehr Sportunterricht als für die anderen Schülerinnen und Schüler. Außerdem hat die Schule ein eigenes Gym und einen Athletiktrainer, der die im Leistungssport aktiven Schülerinnen und Schüler individuell betreut.
Außerdem können Schülerinnen und Schüler auf Antrag vom Unterricht entschuldigt werden, um zum Beispiel nachmittags am Training teilzunehmen oder auch mal für mehrere Tage in ein Trainingslager oder zu einem Turnier zu fahren.
Desweiteren wird in einer NRW-Sportschule unkompliziert sogenannter “Nachführunterricht” angeboten. Das ist eigentlich Nachhilfe, die aber nicht extra gezahlt werden muss und die von bekannten Lehrkräften durchgeführt wird, die auch die Unterrichtsinhalte kennen.
Schulleiter Siegfried Rojahn gibt allerdings auch zu:
"Wir beobachten schon, dass wir gerade in der Jahrgangsstufe 5 sehr, sehr viele Schülerinnen und Schüler haben, die in die NRW-Sportschule drängen, häufig die kleinen Jungs, die davon träumen, der neue Manuel Neuer oder der Messi zu werden oder sonst etwas.
Und wir stellen auch fest, dass dann gerade in der Pubertät wir eine ganze Reihe dieser Schülerinnen und Schüler verlieren. Die haben einfach kein Interesse mehr dran, die möchten diese Zeit nicht investieren."
Hier könnt ihr die Beiträge nachhören:
Jann-Mika Schierhorn ist gerade mal 18 Jahre alt (Stand September 2025) und trotzdem schon erfolgreicher Leistungssportler im Baseball. Er spielt in der 1. Mannschaft der Untouchables Paderborn und auch in der U18-Nationalmannschaft. Das alles macht er neben der Schule.
Während der Saison sind seine Tage extrem durchgetaktet und er hat kaum Pausen. Jann-Mika trainiert jeden Tag und am Wochenende sind während der Saison Spiele.
Das geht aus seiner Sicht nur, weil er auf der NRW-Sportschule, dem Reismann-Gymnasium, ist:
“Beurlaubungen gehen in der Regel, wenn das jetzt nicht viel zu lange Zeiträume sind, ganz gut durch. Und es hilft mir einfach super, auch wenn ich zum Beispiel auf Turnieren bin, dass ich mich dann auf meinen Sport konzentrieren kann und weiß, zu Hause in der Schule wird darauf Rücksicht genommen und wenn ich zurückkomme, wird mir aber auch dabei geholfen, eventuell Stoff nachzuholen.” (Jann-Mika Schierhorn)
Wie steht Jann-Mika zu Kindern im Leistungssport?
“Baseball ist ein Sport bei dem man viel versagt.” Das sagt Jann-Mika Schierhorn selber über seinen Sport. Deshalb fällt es ihm manchmal schwer, mental fit zu bleiben.
Er nutzt bestimmte Atemtechniken, um den Kopf vor den Spielen quasi leer zu machen.
Trotzdem glaubt er nicht, dass Leistungssport bei Kindern und Jugendlichen irgendwie schädlich ist. Gewinnen und Verlieren gehört zum Leben dazu, meint Jann-Mika.
“Das gehört leider zum Sport irgendwie ja dazu, dass man auch mal verlieren muss. Und das ist aber auch irgendwie so eine Lehre fürs Leben. Weil ich glaube, es gibt sehr, sehr wenig Leute, die ihr ganzes Leben lang nur gewinnen werden und irgendwie muss jeder mal versagen.”
Natürlich, räumt auch Jann-Mika Schierhorn ein, gibt es auch Eltern, die ihren Kindern im Leistungssport großen zusätzlichen Druck machen. Er sagt allerdings auch:
“Am Ende des Tages haben uns unsere Eltern doch irgendwie alle lieb. Egal, ob wir das Spiel jetzt gewonnen haben oder wir es verloren haben.”
Hier gibt es die Beiträge über Jann-Mika zum Nachhören:
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