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Schützt euch vor K.O.-Tropfen

“Es ist quasi als hätte man so ganz stark geräuschunterdrückende Kopfhörer auf. 

So als wäre ich nur in meinem Kopf […] aber irgendwie hat der Körper nicht mehr funktioniert, der ist irgendwie nicht mehr hinterhergezogen.”

So hat uns eine junge Frau aus dem Hochstift den Abend erklärt, an dem ihr mutmaßlich jemand K.O.-Tropfen ins Glas gemacht hat. Wieso mutmaßlich? Weil sie, wie vermutlich viele Frauen und Männer, direkt nach Hause gebracht worden ist. Sie kam nicht ins Krankenhaus, es wurde kein Test gemacht, es gab dementsprechend auch keine Anzeige oder gar Ermittlungen. Aber auch nach gründlicher Überlegung sagt sie: Ich bin mir sicher, dass ich K.O.-Tropfen im Glas hatte. Ich glaube, ich kann sogar sagen, in welchem Glas das Mittel war. 

Für sie sind zwei Sachen wichtig: Passt auf euch auf, wenn ihr unterwegs seid - habt aber auch andere Menschen im Blick, die vielleicht eure Hilfe brauchen. Und: Opfer von K.O.-Tropfen sind nie die schuldige Person! Ihr müsst euch nicht schämen, wenn euch etwas passiert. Bitte sprecht mit anderen Menschen darüber!

Den Erfahrungsbericht der betroffenen jungen Frau aus dem Hochstift könnt ihr lesen. Wir haben ihn zu besseren Lesbarkeit stark gekürzt, inhaltlich haben wir nichts geändert. 

Hier könnt ihr nachhören, was die junge Frau aus dem Hochstift uns erzählt habt. 


Christoph Garritzmann ist Chefarzt in der Akut-und Notfallmedizin in den St. Vincenz-Kliniken in Paderborn. Er hat schon viele Patientinnen und Patienten gesehen, die freiwillig oder unfreiwillig Drogen genommen haben. Wichtig ist ihm, dass es nicht die K.O.-Tropfen gibt. Der Paderborner erklärt, der Großbegriff der K.O.-Tropfen sei nicht eine chemische Substanz, sondern eine Substanzgruppe - die zu einem Ziel führe. Das sei in der Regel, das Opfer wehrlos zu machen und im besten Fall vergessen zu lassen, was passiert ist.

Zu diesen Substanzen gehören unter anderem GHB*, GBL*, Ketamine*, Scopolamine* und natürlich andere synthetische Drogen. 

Garritzmann erklärt, dass es unter den vielen verschiedenen Präventionsmöglichkeiten kaum eine gibt, die alle Substanzen abdeckt: “Das heißt, prinzipiell ist es eine sehr gute Idee zu sagen, ‘ich nutze diesen Strohhalm, ich nutze diesen Test’, die einzelne Substanzen abdecken können, aber es gibt halt nicht den Gemeintest, der alle Substanzen immer sicher abdeckt”. Im Umkehrschluss kann das dann auch heißen, dass genau die Substanz in eurem Glas nicht durch so einen Test erkannt wird.

“Aufmerksam müssen Sie werden, wenn Sie quasi gerade erst losgegangen sind. [Ihre Freundin] hat einen Drink getrunken. Sie wissen, das ist jetzt nicht so richtig viel. 

Und sie wird auf einmal schläfrig, schläft auf dem Tresen ein. Ja, ein schneller, atypischer Verlauf im Vergleich zu dem, was sie vielleicht konsumiert hat an sonstigen Sachen.” 

Christoph Garritzmann


Die Sicht der Polizei auf die Thematik

In den Kreisen Paderborn und Höxter gibt es offiziell so gut wie keine Fälle. Die Polizei im Kreis Paderborn schreibt auf unsere Anfrage: "in den vergangenen zwei Jahren hatten wir 14 Verdachtsfälle auf K.O.-Tropfen, ohne Anschlussstraftat, bei denen augenscheinlich das Verhalten und die Auswirkungen des Alkohol-Konsums der Anzeigenden nicht zu dem von ihnen angegebenen Konsum zu passen schien und daher der Verdacht bestand, dass etwas ins Glas gemischt wurde". In diesen Fällen hat sich der Verdacht auf “klassische KO-Tropfen” nicht erhärtet. 

Die Paderborner Polizei weist zusätzlich nochmal auf Wechselwirkungen mit Medikamenten beim Alkoholkonsum hin, außerdem darauf, dass in vielen Mischgetränken die Konzentration des Alkohols unterschätzt würde. 

Nichtsdestotrotz ist eine Dunkelziffer nicht auszuschließen, beide Kreispolizeibehörden weisen deshalb auf unsere Anfrage nochmal darauf hin, dass bei Verdacht auf K.O.-Tropfen Schnelligkeit geboten ist, um etwaige Substanzen nachweisen zu können. Außerdem solle man Gläser und Flaschen nicht unbeaufsichtigt lassen, keine Getränke von Fremden annehmen und aufeinander Acht geben. 


Kreisweite Kampagne "Schütz' dich vor K.O.-Tropfen"

Die Gleichstellungsstellen der Kommunen im Kreis Paderborn legen seit Jahren Aufmerksamkeit auf das Thema K.O.-Tropfen. Mit der Kampagne “Schütz' dich vor K.O.-Tropfen” soll  aufgeklärt werden. Deshalb steht das Team seit Jahren bei gut besuchten Veranstaltungen. Zum Beispiel vor Konzerten, Schützenfesten, auf Libori oder bei Open-Airs. 

Zum Beispiel auf Libori ist auch die Gleichstellungsstelle der Stadt Paderborn zu Aufklärungszwecken unterwegs. Die Kampagne wurde ursprünglich von der Stadt Paderborn entwickelt und ins Kreisgebiet hineingetragen.

“Wir möchten die Menschen vor allen Dingen informieren und sensibilisieren. Wir möchten zeigen, wie man sich schützen kann […]. Ganz wichtig ist unsere Botschaft, dass die Betroffenen nicht die Schuld tragen.”

Vera Remmert, Gleichstellungs-und interne Familienbeauftragte, Kreis Paderborn


Was uns wichtig ist: Du trägst keine Schuld! Wenn euch jemand K.O.-Tropfen verabreicht hat, dann ist allein der Täter oder die Täterin dafür verantwortlich. 

Falls ihr Unterstützung braucht, dann kriegt ihr sie zum Beispiel bei diesen Stellen.

Hilfe findet ihr zum Beispiel hier: 

Frauenberatungsstelle Lilith in Paderborn 

Frauenberatungsstelle der AWO im Kreis Höxter 

Kein Opfer e.V.

Weisser Ring e.V. 

Bei akuten Anzeichen verständigt die 112. Lasst die betroffene Person unter keinen Umständen allein. 


* GHB = Gamma-Hydroxybuttersäure, auch als Liquid Ecstasy bekannt

* GBL = Gamma-Butyrolacton, wird eigentlich als Lösungs-und Reinigungsmittel genutzt 

* Ketamin ist ein starkes Narkose-und Schmerzmittel

* Scopolamine, auch Hyoscin = Scopolamin kommt in Nachtschattengewächsen wie Stechapfel oder Engelstrompete vor