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Pädophilie im Hochstift - Die unsichtbare Versorgungslücke

Fast jeder 10. Mann gibt zu, schonmal pädophile Fantasien gehabt zu haben. Jeder 3. Mann ab 40 fühlt sich durch hebephile Fantasien erregt – also durch Fantasien mit Kindern, die erste Anzeichen der Pubertät zeigen. Das geht aus einer Studie der Berliner Charité aus dem Jahr 2008 hervor. 

Unsere Recherche zeigt: Trotzdem gibt es im Hochstift keine Beratungs- oder Therapieangebote für Menschen mit pädophilen Neigungen. Zumindest nicht, wenn sie noch nicht straffällig geworden sind. Auch überregionale Angebote halten sich in Grenzen. 

Wenn es um Kinderschutz und Prävention geht, wird meistens zuerst auf die Seite der potenziellen Opfer geschaut. Das ist auch wichtig. Dafür aber beim Ursprung des Problems wegzusehen, ist der falsche Weg. 

Wir haben in unserer Recherche versucht herauszufinden, wieso es diese Versorgungslücke im Hochstift gibt und was nötig wäre, um sie zu schließen. 


Was ist Pädophilie – und was nicht?

Ein großes Problem, wenn wir über Pädophilie sprechen ist, dass viele Menschen die Begriffe Pädophilie und Sexuelle Gewalt an Kindern gleichsetzen. 

Aber: Pädophilie ist eine sexuelle Präferenz – kein Verbrechen an sich. Genauso wie Heterosexualität eine sexuelle Präferenz ist. 

Sexuelle Gewalt an Kindern ist eine Straftat. 

Diese Unterscheidung ist zentral, wenn es um Prävention geht.

Wichtige Begriffe im Überblick

Sexuelle Anziehung zu vorpubertären bzw. pubertierenden Kindern

Diagnose nur, wenn Leidensdruck besteht oder die Neigung ausgelebt wurde

Wenn ein Mensch  ausschließlich durch sexualisierte Darstellungen und Fantasien von Kindern erregbar ist.

Straftat: sexuelle Handlungen an oder mit Kindern

begehen körperliche Übergriffe

konsumieren Missbrauchsdarstellungen, ohne selbst körperlich übergriffig zu werden


Warum Prävention entscheidend ist

Gefängnisstrafen allein lösen das Problem nicht, denn eine sexuelle Neigung verschwindet nicht einfach. Außerdem wird auch nicht jeder Mensch mit einer pädophilen Präferenz straffällig. Alle Therapeuten und Beratungsstellen, mit denen wir während unserer Recherche gesprochen haben, sind sich einig: Therapieangebote werden vor einer möglichen Tat gebraucht, nicht erst, wenn schon ein Kind zu Schaden gekommen ist. 

Auch eine Therapie kann eine sexuelle Präferenzstörung nicht "heilen". Aber Betroffene lernen:

  • Strategien zu entwickeln, mit ihrer Neigung umzugehen

  • damit zu leben, niemals ihre Sexualität ausleben zu können (wenn die Betroffenen kernpädophil sind)

  • Verantwortung zu übernehmen

Kurz gesagt: Präventive Beratungen von pädophilen Menschen sorgen dafür, Kinder zu schützen, bevor etwas passiert.


Die Situation im Hochstift: Große Nachfrage, keine Angebote

Unsere Recherche zeigt: Viele Menschen mit pädophilen Neigungen suchen Hilfe, ohne dass sie straffällig geworden sind. Einfach weil sie verantwortungsbewusst sind und einen großen Leidensdruck verspüren. Das haben uns mehrere Beratungsstellen und Therapeuten bestätigt. Doch im Kreis Paderborn und Höxter gibt es keine präventiven Angebote. Viele Beratungsstellen und Therapeutinnen und Therapeuten sagen:

  • Hilfe erst nach Straftat

  • Therapie meist nur im Rahmen von Bewährungshilfe 

  • oder sogar: "Mit dieser Klientel arbeiten wir nicht."

Bei Beratungsstellen liegt das Problem oft in der Finanzierung. Um den Bereich Pädophilie auch noch abzudecken, wäre mehr Personal und damit mehr finanzielle Mittel notwendig. 

Therapeutinnen und Therapeuten hingegen wollen oft schlicht und ergreifend nicht mit Menschen arbeiten, die eine pädophile Präferenzstörung haben. Die Gründe sind unterschiedlich. Einige fühlen sich in dem Bereich nicht ausreichend ausgebildet. 

Andere befürchten Täter und Opfer gemeinsam im Wartezimmer sitzen zu haben. Allerdings sitzen selten mehrere Patienten gemeinsam im Wartezimmer. Außerdem haben wir für unsere Recherche explizit nach Therapieangeboten für „Nicht-Täter“ gefragt. 

Und dann gibt es noch die Therapeutinnen und Therapeuten, die ganz ehrlich sagen: "Nein. Ich möchte einfach nicht mit entsprechender Klientel arbeiten."

Das bedeutet aber auf der anderen Seite, wer merkt, dass er Hilfe braucht, bekommt sie oft erst nach einer Anzeige oder Verurteilung oder indem er überregionale Angebote nutzt und zum Teil sehr weite Strecken in Kauf nimmt. Die NRW-Anlaufstelle des Kein Täter Werden Netzwerks der Berliner Charité hat ihren Sitz in Düsseldorf. Damit bleibt Hilfe für viele unerreichbar. 

Warum frühe Hilfe Kinder schützt

Prävention bedeutet:

  • Risiken erkennen

  • Unterstützung anbieten

  • Strategien entwickeln

  • Straftaten verhindern

Ein Problem erst nach der Tat zu behandeln, reicht nicht aus. 


Hinweis für Betroffene und Angehörige

Wenn ihr selbst betroffen seid oder euch Sorgen um jemanden macht:

Ihr seid nicht allein. Hilfe zu suchen ist ein wichtiger Schritt.

Frühe Unterstützung schützt:

  • Kinder 

  • Betroffene selbst 

  • das soziale Umfeld 


Wenn ihr Angst habt, jemandem etwas anzutun

Bitte holt euch Hilfe. Es gibt anonyme Beratungsangebote. 

Hilfe zu suchen ist verantwortungsvoll.

Auch wenn es im Hochstift keine lokalen Angebote gibt, existieren überregionale Hilfsangebote.

Online- und Fernangebote:

  • Kein Täter Werden-Präventionsnetzwerk
    Anonyme Beratungshotline: +49 30 450 529 450
    Es gilt die ärztliche Schweigepflicht.

  • Troubled Desire – Anonyme Online Hilfe bei Pädophilie

  • NRW-weite Anlaufstelle des Kein Täter Werden-Netzwerks:
    Universitätsklinikum Düsseldorf
    E-Mail: praevention@med.uni-duesseldorf.de
    Telefon: +49 211 811 9303
    Sprechzeiten: Dienstag – Mittwoch: 11.30 – 12.30 Uhr

  • Karsten Otte, Therapeut für opfergerechte Täterarbeit
    (präventive Therapie nur bei privater Finanzierung möglich!)
    Website: Täter-Therapie
    Telefon: +49 173 36 36 86 9


Berichterstattung im Radio

Hier könnt ihr alle On Air gesendeten Beiträge nochmal nachhören:

Was ist Pädophilie?

Warum Strafe allein nicht ausreicht

Interview mit Therapeut Karsten Otte aus Gütersloh

Interview mit Diplom-Psychologe Klaudius Küppers aus Höxter-Lütmarsen

Die Versorgungslücke im Hochstift

Fazit der Recherche


Kommentar zur Recherche

Wir Menschen haben Vorurteile. Punkt. Gerade, wenn es um Themen wie Pädophilie geht, fällt es auch mir schwer, mich davon freizumachen. Trotzdem gehe ich an jede meiner Recherchen unvoreingenommen ran. Dafür musste ich erstmal in meinem Kopf eine klare Grenze zwischen einer pädophilen Neigung und sexueller Gewalt an Kindern ziehen.

Mein erster Interviewtermin für die Recherche war mit Psychologin Monique Tredt-Gockel vom LWL. Die kannte ich schon von meiner vorherigen Recherche zum Thema „Sexuelle Übergriffe auf Männer“. Begrüßt wurde ich mit: „Ah! Frau Baumgarten! Also leichte Themen sind gar nicht Ihr Ding, oder?“. Damit hat sie wohl recht. 

Unser erster Schritt war es dann, eine radiotaugliche Definition von „Pädophilie“ zu erstellen. Wir mussten also erklären, dass das Ganze grundsätzlich gar keine Störung ist, sondern eine sexuelle Präferenz. Genauso, wie ob man auf Männer oder Frauen steht. Und das muss man erstmal sacken lassen, finde ich. Von einer Störung spricht man nämlich erst, sobald ein Leidensdruck oder Fremdgefährdung besteht.

Danach habe ich Termine mit Beratungsstellen und Therapeuten ausgemacht, um herauszufinden, ob es bei uns im Hochstift Therapie- oder Beratungsangebote gibt. Das Ergebnis war, gelinde gesagt, ernüchternd. Aber: Oft ist das Ergebnis einer Recherche keine Lösung, sondern das Aufzeigen eines Missstandes selbst.  

Ein Thema wie Pädophilie tut weh. Aber als Journalistin ist es eben mein Job, da hinzugucken, wo es weh tut – und das unvoreingenommen. Deshalb sprechen wir hier bei Radio Hochstift ja auch so oft über gesellschaftskritische Themen. So wie jetzt, über das Thema Pädophilie. Ein Thema, über das die wenigsten von uns gerne sprechen, obwohl ohne offene Kommunikation auch keine Lösungen entstehen können.

Ronja Baumgarten - Volontärin bei Radio Hochstift und Verantwortliche für diese Recherche, 2026


Ihr habt Anregungen, Meinungen oder Hinweise zu dieser Recherche. Dann schreibt uns an info@radiohochstift.de.