Tradition in Scherben: Verwüstetes Nixdorf-Gebäude vor Zwangsversteigerung
Riemekestraße 160, Gebäude G, 33106 Paderborn. Für tausende Menschen im Hochstift war es nicht nur die Adresse ihres Arbeitsplatzes. Es war ein Lebensgefühl.
Seit Jahren fristet die ehemalige Nixdorf-Immobilie allerdings ein trauriges Dasein. Erst zogen die Firmen aus. Dann wechselte immer wieder der Eigentümer - die Immobilie wurde zum Spekulationsobjekt. Mittlerweile hat das Gebäude G viele ungebetene Gäste angezogen: Scheiben wurden eingeschmissen, Wände beschmiert, Kabel geklaut und Feuerlöscher durch die Gegend geworfen. Die Immobilie beschäftigt auch deshalb weiter unzählige Beteiligte. Und bald könnte das einst stolze Haus unter den Hammer kommen.
Für unsere Recherche haben wir mit allen gesprochen: Ehemalige Nixdorfer, denen das Herz blutet. Geschäftsführer, die sich ahnungslos geben. Polizeibehörden, die durch das Gebäude viel Arbeit haben. Wir haben auch mit einem Insolvenzverwalter, der Stadt Paderborn, dem Nachfolge-Unternehmen Diebold Nixdorf, dem Paderborner Amtsgericht und weiteren Hinweisgebern gesprochen.
Wie immer gilt: Wir freuen uns auf eure Rückmeldungen. Die Kontaktdaten findet ihr ganz unten auf dieser Seite.
Ex-Nixdorfer sind emotional
Sonja Schmidt aus Schlangen hat 30 Jahre für die Nixdorf AG und die Nachfolge-Unternehmen gearbeitet. Die 59-Jährige zählte zu den Mitarbeitenden, die kurz nach Fertigstellung des Gebäudes G einziehen durften. Matthias Kockhans hatte seinen Arbeitsplatz für mehr als zehn Jahre im Gebäude G. Bis heute arbeitet der 56-Jährige bei Atos, die ihre Adresse ebenfalls jahrelang in diesem Gebäude hatten. Beide stehen stellvertretend für unzählige Nixdorfer, die fast euphorisch in Erinnerungen schwelgen und gleichzeitig tief betrübt sind, wenn sie den heutigen Zustand der Immobilie sehen. Uns hat das Duo viel erzählt:
Fakten
- Planung des Gebäudes: Heinz Nixdorf
- Baustart: 1988
- Büroflächen: 40.000qm
- Grundstücksgröße: 120.000qm
Youtuber spaziert heimlich durch Gebäude G
Das folgende Video des Youtubers ‘Frank Herbert’ zeigt zum einen das Ausmaß der Zerstörung im Inneren des Gebäudes. Zum anderen wird ersichtlich, dass noch Akten des Unternehmens Siemens Nixdorf mit teils sensiblen Daten im Gebäude liegen.
“In dem Video ist das Nixdorf-Gebäude im aktuellen Zustand zu sehen. Wenn man die Bilder sieht kommen mir die Tränen. Ich war ab 1986 bei der Nixdorf Bau- und Haustechnik beschäftigt. Ich war bis zur Schließung des Gebäudes fast 30 Jahre als Haustechniker in dem Gebäude tätig.” (Karl Elpmann, Paderborn)
Bei Fans sogenannter Lost Places ist das ehemalige Nixdorf-Gebäude G mittlerweile sehr beliebt. In einschlägigen Foren im Internet wird ausführlich über die Immobilie diskutiert.
Vandalismus ohne Ende
Die Zerstörungen am und besonders im Gebäude sind gefühlt grenzenlos. Dies bestätigt auch die Paderborner Polizei, die seit Januar 2025 44 Einsätze an der Immobilie zählt.
Ermittelt wird unter anderem wegen Hausfriedensbruchs, Sachbeschädigung, schweren Bandendiebstahls, Körperverletzung und Auffinden von Diebesgut.
19 Anzeigen hat die Paderborner Polizei in gut einem Jahr geschrieben, in zwölf Fällen wird gegen konkrete Beschuldigte ermittelt.
Etwas weniger konkret äußert sich die Stadt Paderborn auf Anfrage - hier heißt es:
“Auch das Ordnungsamt bestreift die Örtlichkeit regelmäßig. Für die Instandhaltung und Sicherung des Gebäudes ist der Eigentümer zuständig." (Katharina Multhaupt, Pressesprecherin, Stadt Paderborn)
“Ich würde es schon als melancholisch beschreiben. Keine Traurigkeit im klassischen Sinn, aber man kommt dann schon ins Grübeln. Ich habe mitbekommen, als das Gebäude gebaut wurde. Nun wandle ich noch auf dieser Erde und eigentlich würde man immer denken, so ein Gebäude hat eine völlig andere Halbwertszeit, was aber augenscheinlich dann in Einzelfällen nicht so ist. Ich bin da melancholisch berührt, ehrlich gesagt, wenn ich das sehe.” (Matthias Kockhans, Nixdorfer aus Hövelhof)
Niemand räumt die Akten weg
Es erinnert an den Fall der Patientenakten in der leerstehenden Bürener Klinik. Auch im Nixdorf-Gebäude G liegen noch Akten herum, dies zeigt unter anderem das Youtube-Video (siehe oben).
In den Akten befinden sich teils sensible Daten, unter anderem geht es um Kredite, die das Unternehmen Siemens Nixdorf Mitarbeitenden gewährt hat. Zur Erklärung: Bei Nixdorf war es in früheren Jahren nicht unüblich, dass Mitarbeitende Kredite und Darlehen über den Arbeitgeber beziehen konnten, bspw. für den privaten Hausbau.
Auch hierzu hat die Stadt Paderborn auf Radio Hochstift-Anfrage Stellung genommen:
“Anders als in Büren handelt es sich hier wohl nicht um sensible Gesundheitsdaten. Das Ordnungsamt wird im Rahmen regelmäßiger Kontrollen weiterhin vor Ort sein und auch gegenüber den Verantwortlichen auf eine Sicherung des Gebäudes drängen.” (Katharina Multhaupt, Pressesprecherin, Stadt Paderborn)
Diebold Nixdorf sieht sich unbeteiligt
Der Name Nixdorf lebt bis heute in Paderborn weiter - unter anderem im Unternehmen Diebold Nixdorf. In der Frage einer möglichen Verantwortung für die Akten hat das Unternehmen allerdings eine klare Meinung:
„Wir können ausschließen, dass die im Video gezeigten Akten im Zusammenhang mit unserem Unternehmen stehen. Diebold Nixdorf wie auch Wincor Nixdorf zuvor waren zu keiner Zeit Eigentümer oder Mieter dieses Gebäudes. Die Akten der bei uns beschäftigten Mitarbeiter haben sich immer in unseren Geschäftsräumen befunden. Wir haben auch keine Kenntnis darüber, wer der aktuelle Gebäudeeigentümer ist, da wir kein Rechtsnachfolger der früheren Unternehmen Nixdorf Computer AG wie auch Siemens Nixdorf Computer AG sind.“ (Jörn Förster, Standortleiter und Senior Vice President, Supply Chain and Procurement, Diebold Nixdorf)
Die Suche nach dem Eigentümer
Zugegeben: Die Suche nach dem aktuellen Eigentümer der Immobilie war eine sportliche Aufgabe.
Nixdorf AG, Siemens Nixdorf, Fujitsu, Atos: Die Namen der Unternehmen, die ihre Adresse im Gebäude G hatten, wechselten häufig. Fast noch häufiger wechselte in späteren Jahren der Eigentümer.
2018 bot die Stadt Paderborn 4,7 Millionen Euro für die Immobilie, erhielt aber nicht den Zuschlag. Ein Berliner Investor bot rund eine Million Euro mehr. 2020 kaufte die Fakt AG aus Essen dann das Gebäude. Das Unternehmen kündigte Großes an: 200 Millionen Euro sollten investiert werden, um einen “innovativen Standort mit zukunftsfähigem Branchenmix” zu entwickeln. Für das Projekt in Paderborn nutzte die Fakt AG eine Tochtergesellschaft, die Fakt Liegenschaften Paderborn GmbH. Unsere Recherche zeigt: Im Grundbuch der Immobilie ist bis heute die Platin 1706. GmbH eingetragen. Hierbei handelt es sich um den Vorgängernamen der Fakt Liegenschaften Paderborn GmbH. Der Eintrag wurde also nie korrigiert.
Insolvenz und gescheiterter Weiterverkauf
2022 meldeten die Fakt AG und die Fakt Liegenschaften Paderborn GmbH Insolvenz an. Insbesondere die Pleite der Fakt AG sorgte bundesweit für Schlagzeilen, bis heute laufen Gerichtsprozesse. Damals hieß es, dass die Falkensteg Real Estate aus Düsseldorf die Paderborner Immobilie im Auftrag des Insolvenzverwalters verkaufen sollte. Unsere Recherche zeigt: Es kam nie zu einem Verkauf, auch der Insolvenzverwalter ist nach eigener Aussage nicht mehr zuständig:
“Das Objekt unterliegt nicht dem Insolvenzbeschlag. Es wurde aus der Insolvenzmasse zugunsten des insolvenzfreien Sondervermögens an die Fakt Liegenschaften Paderborn GmbH freigegeben. Zuständig ist die Geschäftsleitung der Gesellschaft. Meine Zuständigkeit als Insolvenzverwalter endete durch die Freigabe. […] Die Sachherrschaft und damit auch die Verwaltungs- und Verfügungsbefugnis liegt allein bei der Fakt Liegenschaften Paderborn GmbH. Diese wird vertreten durch die Geschäftsführer.” (Dr. Gregor Bräuer, Insolvenzverwalter)
Geschäftsführer gibt sich ahnungslos
Fast schon kurios verlief unser Telefonat mit einem Mitglied der dreiköpfigen Geschäftsführung der Fakt Liegenschaften Paderborn GmbH. Zunächst verwies die Person auf den Insolvenzverwalter. Als wir entgegneten, dass dieser nicht mehr zuständig sei hieß es: “Ein entsprechendes Papier ist bei mir nicht eingegangen.” Anschließend verwies das Mitglied der Geschäftsführung auf die Gesellschafter der Gläubiger, unter anderem die Immobilienagentur Marshall Hutton aus London.
Zwangsversteigerung geplant
Möglicherweise können die Gläubiger bald tatsächlich noch auf ein paar Euro hoffen. Unsere weitere Recherche zeigt nämlich auch: Die Immobilie ist in den offiziellen Papieren mit einem sogenannten Zwangsversteigerungsvermerk versehen. Aktuell ermittelt ein Gutachter den Wert der Immobilie. Anschließend soll es zur Versteigerung kommen. Einen Zeitpunkt gibt es hierfür noch nicht.
Heimische Behörden ohne Ansprechpartner
Auch die Behörden im Hochstift haben nachweislich große Probleme Kontakt mit den aktuellen Eigentümern aufzunehmen. So schreibt die Paderborner Polizei auf Anfrage, dass es einen Austausch mit dem Ordnungsamt der Stadt Paderborn gebe, “nicht jedoch mit der Eigentümergesellschaft”. Die Stadt Paderborn erklärt:
“Es wurde versucht über einen Insolvenzverwalter Kontakt aufzunehmen. Dieser erklärte sich aber für nicht zuständig. Aufgrund zuletzt wechselnder Eigentumsverhältnisse mit verschiedenen Gesellschaften und auch dort unterschiedlichen verantwortlichen Personen, gestaltet sich die Kontaktaufnahme tatsächlich schwierig.” (Katharina Multhaupt, Pressesprecherin, Stadt Paderborn)
“Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ein Eigentümer das Gebäude derartig runterkommen lässt. Das ist doch ein Wert! Das ist von 1988, das ist ja noch nicht uralt.” (Sonja Schmidt, Ex-Nixdorferin aus Schlangen)
Fragen und Feedback
Ihr habt Fragen zu dieser Recherche? Ihr wollt uns Feedback geben? Sehr gerne! Schreibt einfach eine Mail an tobias.fenneker@radiohochstift.de
Oder wollt ihr ebenfalls auf einen Missstand im Hochstift hinweisen? Dann nutzt doch gerne direkt unser Formular für anonyme Hinweise.
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