Ungeklärter Mordfall: Die Babyleiche von Delbrück-Westenholz
27 Jahre sind vergangen. Und immer noch stellen sich die Ermittlerinnen und Ermittler diese Fragen: Wer sind die Eltern des toten Babys? Stammen sie aus der Region? Woran ist der weibliche Säugling gestorben? Welche Mitwisserinnen und Mitwisser gibt es seit Juli 1999?
Wir greifen den ungeklärten Mordfall noch einmal auf, weil er in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten fast vergessen wurde. Zum ersten Mal seit langer Zeit können wir euch neue Erkenntnisse aus den Ermittlungen präsentieren - unter anderem den vollständigen Brief, der im Sommer 1999 anonym an die Polizei geschickt wurde. Zum Beispiel auch die Spur in den Nachbarkreis Gütersloh. Und wir erklären, was die Ermittlerinnen und Ermittler einer Cold Case-Einheit zwischen 2022 und 2024 versuchten, um Licht ins Dunkel zu bringen.
Hinweis: Auf dieser Seite geht es teilweise um belastende Details. Deshalb findet ihr auch Hilfsangebote und eine Nummer für Hinweisgeberinnen und Hinweisgeber. Vielleicht möchtet ihr den Ermittlerinnen und Ermittlern einen Hinweis geben, den ihr bislang für euch behalten habt.
“Also in diesem Fall muss man tatsächlich sagen: ich hätte den Fall gerne geklärt. […] Wie in vergleichbaren Fällen auch, glaube ich, dass es Mitwisser von dieser Tat gibt. Und da wäre es natürlich immer noch hilfreich, wenn wir als Staatsanwaltschaft oder die Polizei Bielefeld, einen Hinweis in dieser Sache bekommen würden.”
(Kai Uwe Waschkies, zuständiger Staatsanwalt der Staatsanwaltschaft Paderborn)
INFO
Ihr wollt den Ermittlerinnen und Ermittlern einen Hinweis zu diesem Fall geben? Sehr gerne. Zuständig sind die Beamten im Polizeipräsidium Bielefeld.
Ihr erreicht sie unter 0521-545-0
Rückblick: Der Sommer 1999
Am 02. Juli 1999 sind Josef B. und weitere Männer mit Mäh- und Böschungsarbeiten am Grubebach in Delbrück-Westenholz beschäftigt. Gegen 13.40 Uhr entdecken sie im Grubebach einen “handelsüblichen gelblichen Zehn Liter-Haushaltseimer aus Kunststoff”. Sie fischen den Eimer mit einer Forke aus dem Bach. Unter einer “weißen Plastiktüte ohne Aufschrift und einer 35 Liter-Mülltüte der Marke Swirl” entdecken sie einen gelben Wertstoffsack. In dem gelben Sack steckt die Leiche eines neugeborenen Säuglings.
“Die waren sie (die Finder) richtig schockiert. Da kriege ich heute noch Gänsehaut, wenn ich nur darüber spreche.”
(Hubertus Rolf, Vorsitzender des Heimatvereins Westenholz)
INFO
- Der 2. Juli 1999 war ein Freitag
- Die Temperaturen lagen im Kreis Paderborn an diesem Tag bei 22 bis 24 Grad
- Zur Einordnung:
- Am 02.07.1999 verteidigte Bundeskanzler Gerhard Schröder die Sparpolitik der Regierung auf dem Deutschen Bauerntag; in Bonn nahmen Bundestag und Bundesrat mit großen Feiern Abschied vom damaligen Regierungsviertel
- in Paderborn liefen die Vorbereitungen für die große Karolinger-Ausstellung; der SC Paderborn wiederum startete die Vorbereitung auf die neue Regionalliga-Saison 1999/2000
Entsetzen in Westenholz
Hubertus Rolf kann sich noch gut an die Tage im Juli 1999 erinnern. Er ist Vorsitzender des Heimatvereins in Westenholz. Im Radio Hochstift-Gespräch hat der 63-Jährige unter anderem emotional erzählt:
“Das war über Wochen das Thema in Westenholz. Viele Leute waren entsetzt und viele Familien richtig emotional.
Wir haben es bis heute nicht verstanden: Es gibt so viele Hilfsangebote wie das Babyfenster und so viele Familien, die keine Kinder kriegen können - da muss man doch kein Baby töten.
Auch Jahre später war es immer wieder Thema in Westenholz, wenn es zum Beispiel irgendwo schwere Unfälle mit Kindern gab - dann sagte immer jemand: ”Wisst ihr noch damals - das tote Baby im Grubebach?"
Hören statt Lesen: Staatsanwalt Waschkies erklärt den Fall
Staatsanwalt Kai Uwe Waschkies hat uns sehr viel zum Fall der Babyleiche erzählt. Hier könnt ihr alles Wichtige in einer Ton-Collage hören:
Die Ermittlungen von Juli 1999 bis September 2000
Nach dem Fund der Babyleiche am 02.07.1999 wird eine Ermittlungskommission gegründet, die zeitnah noch einmal personell aufgestockt wird. Für die Ermittlerinnen und Ermittler steht schnell fest: Der Fundort ist nicht der Tatort.
Die Ermittlungen konzentrierten sich sehr auf die Suche nach der Mutter. Insbesondere im Kreis Paderborn und im Kreis Gütersloh (siehe ‘Spuren nach Gütersloh’) wurden unterschiedlichste Einrichtungen (Krankenhäuser etc.) aufgesucht, um zu erfragen, ob kurz zuvor eine Frau entbunden hat oder hochschwanger war, die jetzt kein Kind mehr hat.
Auch die Öffentlichkeit wurde um Hilfe gebeten:
Die Anzahl der Hinweise war allerdings eher enttäuschend für die Ermittler: Es gingen noch nicht einmal zehn Anrufe ein. Zwar wurden einzelne konkrete Frauennamen genannt - hier konnte allerdings schnell ausgeschlossen werden, dass sie ihr Neugeborenes getötet haben. In einem Fall wurde das Baby nach der Geburt bspw. in Obhut genommen.
Spur nach Gütersloh I
Nicht nur die geographische Nähe von Delbrück-Westenholz zum Nachbarkreis Gütersloh ließ die Ermittler auch dort aktiv werden. Der gelbe Sack, in dem die Babyleiche gefunden wurde, wurde zur damaligen Zeitpunkt gar nicht im Kreis Paderborn ausgegeben - im Kreis Gütersloh dagegen schon.
Die Polizei erhält einen Brief - von der Mutter?
Wenige Wochen nach dem Fund, im Sommer 1999, erhält die Polizei ein bis heute wichtiges Puzzlestück der Ermittlungen. Auf dem Tisch der Beamten landet ein anonym versendetes Schreiben - zum ersten Mal könnt ihr es hier komplett sehen:
“Die Polizei hat das sehr ernst genommen, diesen Hinweis, und ist dann tatsächlich auch hergegangen, hat den Brief spurentechnisch untersucht. Leider ohne Erfolg, es gibt weder Finger-, noch DNA-Spuren auf diesem Brief. Es ist weiter versucht worden, diesen Brief zu analysieren, ob man durch die Schrift irgendwie einen Rückschluss auf die Urheberschaft ziehen kann. Das war allerdings nicht möglich.”
Staatsanwalt Kai Uwe Waschkies
Heißt die Mutter Wera?
Der Zettel stammte von einem alten Werbeblock der Volksbank. Neben dem Text erkannten die Ermittler auch, dass der Name WERA durchgedrückt auf dem Zettel erschien. Damals gab es im Kreis Paderborn zwei Frauen mit dem Vornamen Wera. Sie wurden überprüft, konnten dann aber auch als Mutter des Säuglings ausgeschlossen werden.
War es also wirklich die Mutter, die den Brief geschrieben hat?
“Ich halte es für durchaus plausibel und möglich, aber in diesem Brief ist keinerlei Täterwissen enthalten. Es hätte deswegen jederzeit eine Person einen entsprechenden Brief schreiben können. Damals hat man dem Glauben geschenkt, dass es die Mutter war. Heute würde ich das eher, sage ich mal, fifty-fifty ansehen.”
Staatsanwalt Kai Uwe Waschkies
Spur nach Gütersloh II
Auch der Brief verstärkt die Spur in den Kreis bzw. in die Stadt Gütersloh. Zum einen war der Brief an die Polizei Gütersloh adressiert, zum anderen konnten die Ermittler herausfinden, dass der Brief im Gütersloher Stadtgebiet eingeworfen wurde.
September 2000: Ermittlungen werden eingestellt
Nach mehr als einem Jahr müssen die Ermittlerinnen und Ermittler vorerst aufgeben. Alle Spuren und Hinweise sind abgearbeitet. Der Fall kann nicht geklärt werden. Die Ermittlungen werden eingestellt.
Nach Radio Hochstift-Infos wird das Baby damals auf einem städtischen Friedhof in Delbrück bestattet.
INFO
Wenn ihr euch in einer Krise befindet oder Suizidgedanken habt, sucht euch bitte sofort Hilfe.
In Deutschland ist die TelefonSeelsorge rund um die Uhr anonym und kostenlos unter 0800-1110111, 0800-1110222 oder per Chat erreichbar.
Weitere Anlaufstellen findet ihr bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.
Cold Case-Einheit nimmt Ermittlungen wieder auf
Im Jahr 2022 nimmt sich die sogenannte Cold Case-Einheit der Bielefelder Polizei den Fall der Babyleiche noch einmal vor. Die Ermittlerinnen und Ermittler veranlassen unter anderem eine sogenannte MT-DNA-Untersuchung. Hierdurch lässt sich feststellen, aus welcher Population bzw. aus welchen Bevölkerungskreisen ein Mensch stammt.
“Hier in unserem Fall hat es ergeben, dass der Säugling der westeurasischen Metapopulation angehört. Das ist der Termini der Fachwelt. Und das heißt natürlich, dass der Säugling hier aus unserer Gegend kommen kann, aber genauso aus Norwegen oder Spanien.”
(Staatsanwalt Kai Uwe Waschkies)
Zu den weiteren Ermittlungen der Cold Case-Einheit will sich die Bielefelder Polizei leider nicht äußern. Ein Interview lehnte diese Behörde ab. Fakt ist: Im Jahr 2024 werden die Ermittlungen erneut eingestellt. Seitdem liegen die Akten zur Babyleiche von Westenholz im Archiv.
“Es ist ein tragischer Fall. Man möchte sich nicht ausmalen, welche Motive die vielleicht junge Mutter dazu gebracht haben, ihr gerade frisch geborenes Baby zu töten. Leider kommt sowas alle paar Jahre mal wieder vor. Es ist für die Finder, aber auch für die Polizisten, die direkt mit diesen Säuglingsleichen zu tun haben, natürlich schwer und auch psychisch anspruchsvoll.”
(Staatsanwalt Kai Uwe Waschkies)
INFO
Ihr fühlt euch während der Schwangerschaft oder nach der Geburt überfordert?
Im Hochstift und in ganz Deutschland gibt es sehr viele Hilfsangebote, wenn ihr wenn ihr euch in einer verzweifelten Lage befindet - dazu gehören auch das Babyfenster des Sozialdienst katholischer Frauen in Paderborn - und das Babyfenster im Höxteraner Krankenhaus.
Fragen und Feedback
Ihr habt Fragen zu dieser Recherche? Ihr wollt uns Feedback geben? Sehr gerne!
Schreibt einfach eine Mail an tobias.fenneker@radiohochstift.de
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