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Stars & Sternchen

Tutzing | Leslie Mandoki: «Wir sind irgendwo falsch abgebogen»

Karl-Josef Hildenbrand/dpa | Leslie Mandoki will mit «Sehnsucht nach Freiheit» die junge Generation erreichen und zum Dialog anregen. (Archivbild)

Neues Projekt des Musikers

Tutzing (dpa) - Leslie Mandoki ist besorgt. Gesellschaftliche Spaltung, der Einfluss sozialer Medien und Kriege machen ihm zu schaffen. «Ich habe natürlich nie gedacht - 1989 war ich gerade Vater geworden und es regnete in Berlin eigentlich Glück vom Himmel, die Mauer ist gefallen -, dass wir eines Tages, zum 70. Jahrestag des ungarischen Volksaufstands gegen die russische Unterdrückung, wieder Krieg mitten in Europa haben würden», sagt der 73-Jährige im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Mit seinem Projekt «Sehnsucht nach Freiheit» erinnert der Musiker an den Aufstand vom Herbst 1956, der von sowjetischen Truppen blutig niedergeschlagen wurde.

«Ohne 1956 hätte es 1989 nie gegeben», schreibt er in seinem Buch, das jetzt erschienen ist. Film und Konzerte folgen. Zu Wort kommen auch Zeitzeugen, Weggefährten und Freunde - von Altbundespräsident Christian Wulff über Peter Maffay bis Michail Gorbatschow.

Flucht vor dem Gulaschkommunismus

Sein Vater László habe sich 1956 den Aufständischen angeschlossen, erzählt Mandoki. Als Dreijähriger sei er in seinem Kinderzimmer eingesperrt gewesen und habe gehört, wie Studenten, die von den Russen angeschossen worden waren, in der Wohnung der Familie starben.

In seinem Haus am Starnberger See steht bis heute der Schreibtisch des Vaters. Sowjetische Offiziere schlugen damals mit Gewehrkolben auf die Türen ein, weil sie darauf biblische Motive vermuteten. Repariert hat Mandoki ihn nie. «Er sollte als Mahnung so bleiben.»

Im sogenannten Gulaschkommunismus blieben Zensur und Überwachung. Für junge Musiker wie Mandoki wurde die Enge unerträglich. «Ich habe für die Freiheit mein Leben riskiert.» 1975 floh er mit zwei Freunden zu Fuß durch den Karawankentunnel nach Österreich und kam als Asylbewerber ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland.

«Ich durfte mich selbst beweisen»

Mandoki zählt sich zu einer «glücklichen Flüchtlingsgeneration»: «Ich habe kein Plüschtier bekommen, keinen Integrationskurs, nicht einmal einen Sprachkurs, sondern etwas wesentlich Wichtigeres: Ich durfte mich selbst beweisen.»

Schon in seinem Asylantrag von 1975 stand nach eigener Aussage, er wolle mit Jethro-Tull-Sänger Ian Anderson, Cream-Bassist Jack Bruce und Gitarrist Al Di Meola eine Band gründen. Ein anwesender CIA-Beamter reagierte laut Mandoki nur mit: «You must be totally crazy.» Anfang der 90er gründete er mit den dreien die Mandoki Soulmates.

Bekannt wurde er 1979 mit Dschinghis Khan. Später arbeitete er als Produzent mit Stars wie Phil Collins, Lionel Richie und Jennifer Rush.

Deutscher mit ungarischem Herzen

Mandoki ist deutscher Staatsbürger - und nur das. «Man darf auch als Einwanderer wie ich darauf stolz sein, hier anzukommen und Deutscher zu werden, auch wenn mein Herz manchmal immer noch ungarisch denkt», sagt er. «Aber Integration ist eindeutig eine Bringschuld von uns Eingewanderten.»

Die Entwicklung in Deutschland sieht er kritisch. «Wir sind irgendwo falsch abgebogen», findet er. «Wenn wir uns selbst zu einem Einwanderungsland erklären, dann ist es umso wichtiger, dass die Menschen unabhängig von ihrer Herkunft am Anfang ihres Lebens gleiche Chancen bekommen.»

Talente müssten sich entfalten können. «Aber wenn wir sie immer mehr reglementieren und einengen, werden gerade die Hochtalentierten bald feststellen: Freiheit beinhaltet auch, die Freiheit zu gehen», sagt er. «Und wir verlieren momentan zu viele herausragende Talente.»

Auch um die Medien sorgt er sich: Wachsender wirtschaftlicher Druck bedeute mehr Output bei weniger Recherche. «Die Medien müssen sich irgendwann in dieser "Erregungsökonomie" den sozialen Medien angleichen. Das ist eine Katastrophe.»

Mandoki will junge Menschen erreichen

Mit «Sehnsucht nach Freiheit» hofft er, auch junge Menschen zu erreichen. «Ich weigere mich, eine Haltung anzunehmen, wonach wir Generationen an Instagram verloren haben», sagt Mandoki. «Wir müssen lernen, ihre Botschaften zu verstehen.» Das Buchcover zeigt ein Mädchen, das 1956 mit der Waffe kämpfte. «Sie wurde von den Russen an die Wand gestellt und erschossen.»

Der 73-Jährige ist überzeugt: «Ausgelöst haben den Aufstand 17-, 18-, 19-Jährige.» Gleiches gelte für den Mauerfall: «So wie die Altersgruppe der heutigen Instagram-Generation 1956 für den Freiheitskampf gestorben ist und 1989 den Eisernen Vorhang geöffnet hat: Das waren nicht die alten ideologischen Kriegstreiber im Kalten Krieg.»

«Vielleicht hilft es der Instagram-Generation, den Aufstand 1956 zu verstehen, damit sie nachvollziehen, dass ihre eigenen Altersgenossen jetzt aktuell in der Ukraine ihr Leben lassen und dass wir die Pflicht haben, dieses Töten zu einem Ende zu bringen», sagt er. «Damit meine ich, dass dieser Wahnsinn des Krieges aufhören muss.»

An die Jugend richtet sich sein Song «The Torch», den er aus Enttäuschung über die eigene Generation schrieb. «Es darf ja wohl nicht wahr sein, dass meine Generation so dermaßen versagt hat», sagt Mandoki. Den heutigen 17-Jährigen hinterlasse sie «dieses Labyrinth der Krisen ohne Kompass».

Club-Tournee im kommenden Jahr

Mandoki wünscht sich, dass Menschen wieder mehr miteinander reden, statt in ihren Echokammern zu bleiben. Auch darum spielt er ab Ende April 2027 in Clubs. «Ich will einen Meter vor der ersten Reihe sitzen, auf gleicher Augenhöhe, sodass auch mal jemand aus dem Publikum etwas sagen kann.» Im Buch, im Film und bei Konzerten will er die Menschen fragen, was Freiheit für sie bedeutet. «Also, wieder den Dialog fördern.»

© dpa-infocom, dpa:261021-930-871606/1

-/Verlag Herder/dpa | In Leslie Mandokis Buch «Sehnsucht nach Freiheit» kommen auch Zeitzeugen und Weggefährten zu Wort.

Karl-Josef Hildenbrand/dpa | Leslie Mandoki schrieb in seinen Asylantrag, dass er mit Ian Anderson und anderen Musikern spielen wolle. Sein Traum wurde wahr. (Archivbild)